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Reisebericht South Dakota 2014

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Okay, nun sitze ich hier und versuche in Worte zu fassen, was ich vor zwei Monaten auf der Pine Ridge Indian Reservation in SD/ USA erlebt habe. Es dürfte schwer fallen, dazu müsste ich ein Buch schreiben, aber das liest ja erstmal keiner und die Zeit habe ich dazu momentan auch nicht. Schade eigentlich.
Ich war mit drei weiteren Gleichgesinnten und Andrea Cox eine Woche gemeinsam dort. Andrea ist dann abgereist, wir vier Gleichgesinnten sind noch eine Woche geblieben. Es waren also nur zwei Wochen, aber die hatten`s in sich...

1. Tag, Ankunft in Rapid City.
Hier gibt`s nicht so wahnsinnig viel zu berichten. Rapid City hat einen kleinen, übersichtlichen Flughafen. Andrea hat uns mit dem Mietauto von dort abgeholt und hatte uns für die erste Nacht schon ein Motel besorgt, dort haben wir die erste Nacht verbracht. Der erste Eindruck von Rapid City war nicht so umwerfend. Eine kleine, praktische, nicht besonders sehenswerte Stadt im mittleren Westen halt.

2. Tag, Fahrt auf die Reservation.
Andrea holte uns ab. Wir tätigten zuvor noch ein paar Einkäufe im Walmart von Rapid, Brot, Früchte, Süßes. Dort haben wir die ersten Natives gesehen. Nicht wenige sahen müde, zu alt und resigniert aus. Fahrt in die Rez. Gerade Straße, Badlands links, Black Hills am Horizont rechts. Sie sehen am Horizont tatsächlich schwarz aus. In den nächsten Tagen werde ich schmerzlich verstehen, welch ein großer Verlust es für die Lakota ist, diese für sie Heiligen Berge nicht ihre Heimat nennen zu können. Man kann weit ins Land sehen, trockene, ebene Prairie, selten ein paar Bäume. Hier und da ein Trailerhome, oftmals ramponiert. Autowracks drumherum. Keine gemauerten, isolierten Häuser. Ankunft im Bed &Breakfast bei Judy auf der Rez. Auch so ein Leichtbau-Fertigteilhaus, das mit dem LKW transportiert wird und innerhalb von 24 Stunden beziehbar ist. Judy ist eine Lakota Indianerin, sehr geschäftstüchtig und sehr gesprächig. Ich hörte, dass sie Rinder züchtet. In den folgenden Tagen fragte ich sie mal, wie viele Rinder sie hat. Sie antwortete mir darauf: How much money do you have? Oooops, Fettnäpfchen :-D.

Weiterfahrt zu den Yellow Bulls.
Liebevolle Begrüßung, es gibt Wasser, Indian Soup (ich liiiebe Eintopf! ), Fried Bread und Wojapi, eine Art Beerenkompott. Ich fühle mich sofort wohl. Die Yellow Bulls leben in einem großen Trailerhome, das seit Sommer dieses Jahres an einer Außenwand vom Hagel geschädigt ist. Zwei Kinder, Riley (6) und Davis (10), leben dauerhaft bei Ihnen, den Großeltern. Drei weitere Enkelkinder sind fast immer da. In der Familie gibt es, glaube ich, 12 Enkelkinder. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Kinder und Enkelkinder an diesem Abend da waren. Unser Nachmittag und Abend verging wie im Flug. Die kleinen Kinder sind sehr aufgeschlossen und wild. Wir haben mit ihnen bis in die Nacht draußen herumgetobt. Immer wollte einer huckepack genommen oder gefangen werden. Es war so goldig. Als es dunkel war, saßen wir beisammen und erzählten. Mike spielte auf der Flöte. Ich bin so dankbar!

3. Tag, Tour mit Wendell durchs Rez.
Neun Distrikte, es waren mal acht, schaut Euch die Flagge an. Fahrt durch sehr arme Wohngebiete. Halt an der Red Cloud Scool, dort Ausstellung, Kirche und Shop besucht. Gang zu Red Clouds Grab. Daneben das Grab seiner Frau. Davor ein Grab für ein zehnjähriges Mädchen, gestorben 1890. Bei mir fließen Tränen. Weiterfahrt nach Wounded Knee, Stätte des Massakers, viele bunte Tücher am Zaun, Gebetsbeutel, nicht auf die Gräber treten...Keine Worte.

Weiter zu Kili-Radio, the Voice of Lakota Nation. Diese Radiostation ist elementar für die Nachrichtenübermittlung auf der Rez und Inhalt des Films „No more smoke signals“. Andrea übergibt eine Spende an den ehrenamtlichen Moderator, der bietet uns an, selbst Grüße durch den Äther zu senden. Das haben wir natürlich gemacht. Das war schon cool! Im Laufe des Urlaubs wurden wir dann mehrfach freudig von Leuten angesprochen, die uns im Radio gehört hatten.

4. Tag Tour mit Wendell durch die Black Hills.
Wunderschöne Berge mit viel Nadelwald. Viel Wild, gute Luft, klares Wasser. Halt an Mount Rushmore, in Keystone, teilweise Fahrt durch den Custer State Park. Die ersten Büffel am Strassenrand. Das große Erlebnis an diesem Tag ist das Crazy Horse Memorial. Vielleicht 25 km von Mount Rushmore entfernt, dem nicht Interessierten eher nicht bekannt.

„Die Ureinwohner Amerikas wollen den weißen Mann wissen lassen, dass auch wir unsere Helden hatten".

Am Memorial befindet sich die, ich meine größte, Ausstellung des mittleren Westens mit Native American Art, gesponsert von vielen Natives aus Nordamerika zur Unterstützung des Memorials. Der Hammer! Man kann nicht alles an einem Tag in sich aufnehmen, so sind wir in der zweiten Woche noch mal hingefahren. Der Tag endete mit einer Lightshow am Memorial, begleitet von Native Musik.

5. Tag Dancing-Time.
Früh Besuch bei den Yellow Bulls. Schon bei der Ankunft wird unser Auto gestürmt von den funny crazy Kids, erstmal ist wieder toben angesagt! Mittags Powwow in der Red Cloud Scool. Kleine und große Kinder in traditioneller Festkleidung, mehrere Trommelgruppen. Die Kleinen tanzen schon so wie die Großen! Eindrucksvoll und bunt. Ich bin dankbar, dass ich das erleben kann. Wenn sie so aufwachsen, gibt es doch Hoffnung für ihre Gesundung und die Erhaltung ihrer Kultur. Danach führte uns ein Lehrer durch die Red Cloud Scool. Es tat gut zu erfahren, dass hier Lakota-Language gelehrt wird.

Abends mit Wendell zum Night Dance. Wir hatten erstmal keine Ahnung, was das ist, Wendell meinte nur: Kein Powowow. Was dann? Irgendwo in der Prairie, ein großer Tanzplatz mit einer Art Riesen-Zelt, darin am Rand Bänke zum Sitzen, in der Mitte ein Feuer, später zwei, in einer Ecke eine Trommelgruppe, in der anderen Ecke ein großes Buffet mit Fried Bread, Soup und Wojapi. Viele Natives da, ich fühle mich gleich wohl. Ein Sprecher heißt alle willkommen und lädt zum Essen ein. Dabei spielt Mike auf einer selbst gefertigten Flöte. Wir haben ihn bereits am ersten Abend bei Wendell kennen gelernt. Als alle gegessen haben, fordert uns der Sprecher auf, gemeinsam das Zelt zu verlassen und wenn der Wolf-Dance beginnt, wieder hereinzukommen. Erst tanzen die Männer hintereinander rein. Danach kommen die Frauen und bewegen sich im Kreis im typischen Powwow-Dance-Schritt um das Feuer. Die Männer heulen bei dem Tanz teilweise wie die Wölfe und tanzen irgendwie anders. Der Abend vergeht mit vielen Tänzen, begleitet vom Rhythmus und Gesang der Trommelgruppe. Wir tanzen mit, wann immer es geht. Es tut so gut und sieht so schön aus! Auch ein Tanz für die Kleinen ist dabei- der Snake-dance. Die Kinder fassen sich an der Hand und toben als Schlange durch das Zelt und draußen herum. Der kleine Davis ist mittendrin und total happy. Ich will diese Eindrücke ganz innig in mich aufnehmen. Die schönste Erfahrung bisher: Überall auf der Rez werden wir freundlich willkommen geheißen, es gibt keine Ausgrenzung.

6. Tag, Hunka-Zeremonie.
Vormittag und mittags Vorbereitungen für die Zeremonie: Platz aufräumen, Zelt aufstellen, Essen vorbereiten. Andrea und Chris haben mit den Wendell einen riesigen Grill besorgt und es wurde entsprechend Fleisch eingekauft. Die Lakota sind Fleischesser, jawohl!
Dazu gibt`s Kartoffelsalat. Der wurde doch tatsächlich fast wie bei mir zu Hause gemacht: Kartoffeln, saure Gurken, Eier, Majo. Nur die Zwiebeln wollte Delores nicht...hihihi! Aber da wir drei Schüsseln hatten, gab´s auch eine mit Zwiebeln...Delores erzählte mir später, dass ihre Familie auch keinen Fisch mag. Es tat gut, gemeinsam die Vorbereitungen durchzuführen, die Gespräche dabei waren so schön. Das sollte ich auch zu Hause einführen!

Am Nachmittag kommen die Gäste, ich weiß nicht, wie viele Leute es waren. Eine Gruppe aus drei Natives singt und trommelt, ein Lakota Älterer spricht mit warmer, väterlicher Stimme. Da mein Englisch nicht gut ist, was aber kein Problem war, verstehe ich manches nicht, zumeist spricht er eh in Lakota. Aber es tat so gut, ihm zuzuhören! Später erfahre ich, dass er auch der Sprecher auf dem Tab-Spiel „Indian Hunter“ ist. Heute kann ich ihn damit jeden Tag hören.

Die Zeremonie selbst war sehr bewegend für die Beteiligten. Ich gratuliere Andrea und Familie Yellow Bull zu ihrer Entscheidung. Es gibt in unserer Welt eine Menge Dinge, die Viele nicht wissen, einfach weil sie nicht messbar und nicht erklärbar sind, dennoch passieren sie. Manche nennen es Magie, Schicksal, Zufall...Die Herstellung einer familiären Verbindung zwischen Andrea und den Yellow Bulls durch die Zeremonie wird ebenso eine nicht erklärbare Verbindung sein, die über den Tod hinaus besteht.

Die Nacht kommt, wir sitzen alle beieinander am Lagerfeuer, nach und nach verabschieden sich die Gäste. Der Sternenhimmel ist unschlagbar, die Milchstraße ganz deutlich zu sehen. Bei den Lakota sind die Sterne der Milchstraße ihre Verwandten, die von ihnen gegangen sind...

7. Tag Pferderennen.
Seven-mile-suicide-ride war das Motto des heutigen Tages. Den Namen hat das Rennen (auf Nachfrage) daher, dass die Teilnehmer so schnell reiten, wie sie können. Sieben Meilen, bis zum Umfallen sozusagen. Es fand in Pine Ridge statt, organisiert und moderiert von William „Shorty“ Brewer, dem Schatzmeister der Lakota Horsemanship Organisation. Und was wäre ein Treffen von Lakota ohne entsprechende leckere Verköstigung. Wie wir es bei anderen Veranstaltungen  kennengelernt hatten, war auch hier ein einfaches aber kräftiges Buffet aufgebaut. Am Rande des Ride gab es zudem für alle Besucher die Möglichkeit, sich von einer Menge gespendeten Kleidungsstücken etwas mitzunehmen.

Der Ride selbst war sehr beeindruckend und schon allein für Pferdeliebhaber absolut sehenswert. Ich sah viele Reiter, die Meisten ohne Sattel, viele junge Menschen und wunderschöne, lebendige Tiere. Wir konnten den Ritt von einem Hügel aus verfolgen. Geniale Bilder, wie die Reiter über die Prairie fegen! Am Ende des Rennens gab es mehrere Preise. Das war nicht mein letzter Ride.

Diese Pferde müssen heilende Kräfte haben. Mir ging es wegen eines Magen-Darm-Virus überhaupt nicht gut, die Hälfte des Ride habe ich im Auto liegend verpasst. Als es mir besser ging, war es bereits Abend. Ich lief über den Platz, die Sonne ging unter, es war wunderschönes Licht. Die Pferde liefen frei herum. Ich stellte mich in Nähe der Pferde an einen Trailer und sprach mit ihnen. Nach kurzer Zeit kam ein grau meliertes Pferd ohne Halfter zu mir und stupste mich mit der warmen weichen Nase an. Wir standen bestimmt eine halbe Stunde beieinander, ich habe sein weiches, warmes Fell streicheln können. Bis ein weiteres Pferd zu uns kam und Beide mit einem Schnauben in die Prairie hinaus galoppierten.
 
Ich war erholt... und dankbar. Es ist der richtige Weg, die Kinder der Lakota und Pferde zusammenzubringen. Die Kinder müssen dort, wo sie geboren sind, Stabilität, Respekt und Liebe erfahren. Dabei ist ein Pferd als Freund echt verlässlich, ehrlich und liebevoll. Zudem sind die Pferde ein starker Bestandteil der Lakota-Kultur. Sie gehören zusammen!

Ach hierzu übrigens am Rande ein Filmtip: „We are a horsenation“.
 
8. Tag Abschied von Andrea und Famile.
Ich danke Andrea und ihrer Familie wie auch den Yellow Bulls für die unvergesslichen Tage.
Wir sind noch eine Woche länger bei Judy in der Rez geblieben und haben auch die Yellow Bulls noch mal besucht. Für diese weitere Woche waren wir alle, allein aufgrund der bisher gesammelten Eindrücke, sehr dankbar! Aber diese Zeit soll hier jetzt nicht weiter thematisiert werden.
Der nächste Besuch ist bereits gebucht.

Was bleibt von dieser Reise?
Sichtbar bleibt der Kontakt mit einem goldigen Lakota-Jungen und seiner Familie. Wir schreiben uns, skypen und tauschen uns über den Alltag aus.

Unsichtbar aber beständig, ist meine Gewissheit, dass die Lakota gute Menschen mit einer reichen Kultur und mit einer enormen Spiritualität sind. Entstanden aus Jahrtausenden Leben im Einklang mit der Natur. Der Genozid an ihnen, die Verdrängung in die Reservate, das Verbot ihrer Kultur und das Aufzwingen einer westlichen Lebensweise hat sie krank gemacht. Sie befinden sich in einem kollektiven Trauma, aus dem sie sich nur langsam und mit viel Mühe befreien können. Im weißen Amerika erhalten sie dazu kaum Unterstützung, im Gegenteil. Es besteht kein Interesse an selbstbewussten Ureinwohnern. Dann nämlich hätte die Politik ein Problem.

Ich sage nur: Black Hills are not for sale!

Wenn wir alle jedoch unsere wunderschöne Erde ansehen und was daraus geworden ist, können wir sicher sein, dass sie nicht noch einmal zwei Jahrtausende unserer westlichen Lebensweise verkraften wird. Wir sollten endlich umdenken.

Die Lakota können uns dabei helfen.

Ivonne

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